Andrea Mesecke:
Utopie - das Nirgendland ohne Zukunft?, RISZ. Zeitschrift für Architektur (Universität Dortmund) 3:1995(8)4-13.

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Utopie - das Nirgendland ohne Zukunft?

"Wenn die Legitimität idealstädtischen Sehnens und Denkens generell in Frage gestellt wird, so wird zugleich die freiheitliche Gesellschaft in Frage gestellt." Dieses Leitmotiv für utopisches Entwerfen im Städtebau erfährt natürlicherweise Kritik und bedarf der Diskussion. Seine kategorische Ablehnung allerdings, die damit begründet wird, daß das Ende des real existierenden Sozialismus jede Utopie, also auch die architektonische, habe hinfällig werden lassen, verlangt nach einer grundsätzlicheren Klärung des Utopiebegriffs. Denn sie legt zunächst einmal nahe, daß wir in unserer heutigen Gesellschaft, von der wir annehmen, daß sie freiheitlich ist, auch ohne Utopie auskommen können. Aber sie läßt ebenso die fragwürdige Schlußfolgerung einer enttäuschten Linken erkennen, deren Hoffnungen gemeinsam mit dem politischen System im ehemaligen Ostblock zusammengebrochen sind - obwohl sich bereits im Marxismus das Problem "Utopie" erledigt hatte, da die Wissenschaftlichkeit des Sozialismus das Ende der Utopie bedeutete und diese damit ihre eigentliche Dimension verlor. (15/S.23f.)

     
   

ANDREA MESECKE

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Fakultät Bauwesen Universität Dortmund

So gesehen müßte Utopie als irrationales Phänomen heute wieder eine Chance haben; nicht nur nach dem Scheitern des praktizierten Staatssozialismus, sondern ebenso im Angesicht eines perspektivlosen technik- und wachstumsorientierten Pragmatismus in der Marktwirtschaft. Wenn man unter Utopie eine Gegenwelt zur realen Welt versteht, sollten wir sogar davon ausgehen, daß sich beide Ideale, Sozialismus und Kapitalismus, wieder erneuern und verändern werden, weil sie sich nämlich einander bedingen, und weil sie sich, indem sie sich fortwährend bekämpfen, einander befruchten. Utopie ist dynamisch, sie bewirkt einen Prozeß und fördert die Entwicklung der Menschheit.

Gegenüber der alltäglichen Zerstörung und dem Leiden auf unserer Erde stehen viele von uns sprachlos, ohnmächtig und resigniert da; kaum etwas scheint sich zwischen gestern und heute verändert zu haben. Es drängt sich der Eindruck auf, der Unterschied zwischen Utopie und Pragmatik liege darin, daß die Pragmatiker sich beharrlich weigerten, die Probleme zu lösen, während die sogenannten Utopisten nicht zum Zuge kommen. Eine Utopie verkörpert ein Ideal, das man zwar anstrebt, aber offenbar niemals erreicht. Sie ist eine Kraft, ein Antrieb, eine Hoffnung, eine Inspiration, ein Traum, irdisches Glück. Sie ist dazu da, die Realität zu befruchten, sie anzuregen und anzutreiben.

Wenn das tatsächlich so ist, wie kommt es dann, daß Utopie von vielen Menschen negativ empfunden wird, als "Phantasterei mit bedrohlichem Aspekt"? Wieso sieht man in der Realisierung oder angenommenen Realisierung so mancher Utopie Unmenschlichkeit, ja eine Horrorvision? Wäre eine Menschheit ohne Utopie wirklich humaner?

Utopie wird im allgemeinen als ein "in Gedanken konstruierter idealer Zustand menschlichen Zusammenlebens" definiert. (12) Die jüngere, aus der Utopie hervorgegangene Ideologie bezieht sich im Gegensatz zu einem solchen Wunschdenken auf die konkrete geschichtliche Zukunft, die mit dem wissenschaftlichen Anspruch der "einzigen Wahrheit" angesteuert wird. Utopien und Ideologien sind also alle jene unwirklichen oder transzendenten Vorstellungen, die mit der konkret geltenden, als wirklich bestimmbaren Lebensordnung nicht zusammenfallen.

Doch Utopien unterscheiden sich gemäß Karl Mannheim insofern von Ideologien, als es ihnen gelingt, die bestehende historische Wirklichkeit durch Gegenwirkung in der Richtung der eigenen Vorstellung umzuformen. Ideologien seien hingegen jene Vorstellungen, die de facto niemals zur Verwirklichung gelangen; denn würden sie auch häufig zu Motiven des Handels einzelner, so würden sie doch meist ihrem Sinngehalt nach bei der Umsetzung verbogen. Sie repräsentieren eine unechte Weltanschauung aus subjektiven Werturteilen, die aus materiellem oder politischem Interesse in der objektiven Form als wissenschaftliche Erkenntnis mit dem Anspruch auf Wahrheit und Alleingültigkeit ausgesprochen werden. (7/S.171)

Dieses moderne Verständnis des Ideologiebegriffs bringt die Erkenntnis zum Ausdruck, daß herrschende Gruppen in ihrem Denken so intensiv mit ihren Interessen an eine Situation gebunden sein können, daß sie schließlich die Fähigkeit verlieren, bestimmte Tatsachen zu sehen, die sie in ihrem Herrschaftsbewußtsein verstören könnten. In dem Wort Ideologie ist also implizit die Einsicht enthalten, daß in bestimmten Situationen das kollektive Unbewußte gewisser Gruppen die wirkliche Lage der Gesellschaft unerkannt läßt und damit stabilisierend wirkt. Eine ideologische Orientierung wäre somit, sich an wirklichkeitsfremden Faktoren zu orientieren, aber dennoch auf die Verwirklichung bzw. die stete Reproduktion der bestehenden Lebensordnung hin zu wirken. In diesem Sinne hat sich der Begriff "Wachstumsideologie" eingebürgert.

Im Begriff des utopischen Denkens spiegelt sich die entgegengesetzte Erkenntnis wider, daß nämlich bestimmte unterdrückte Gruppen geistig so stark an der Zerstörung und Umformung einer gegebenen Gesellschaft interessiert sind, daß das von Wunschvorstellungen und dem Willen zum Handeln beherrschte Unbewußte bestimmte Aspekte der Realität nicht erkennt. Doch im Gegensatz zur Ideologie wirkt die Utopie nicht stabilisierend, sondern als Anregung zum Handeln. Das heißt, daß nur jene die Wirklichkeit transzendierende Orientierung als utopisch gilt, die, sobald sie umgesetzt wird, die jeweils bestehende Ordnung teilweise oder ganz sprengt. (7/S.36f.)

Das Wort Ideologie selbst bezeichnete ursprünglich die Lehre von den Ideen. Ideologen nannte man die Anhänger einer bestimmten philosophischen Schule in Frankreich während des 17. Jahrhunderts. Der Begriff der Ideologie im modernen Sinne entstand erst in dem Augenblick, als Napoleon eben diese Philosophengruppe in verächtlichem Sinne "Ideologen" schalt. Hierdurch bekam das Wort zum ersten Mal seine herabsetzende Bedeutung, die es bis heute beibehalten hat. Mit der "Verachtung" wird das Denken des Gegners entwertet und als "Irrealität" abgetan. Demnach liegt der Zugang zur Wirklichkeit allein im Handeln, an dem gemessen das Denken von geringer oder gar keiner Bedeutung ist. Der hiermit propagierte Pragmatismus gehört inzwischen zur "natürlichen" Weltanschauung des modernen Menschen. Die Philosophie ist zur Hilfswissenschaft degradiert; sie formuliert sozusagen nur noch die "Idee" des bereits Vollzogenen.

Indessen stützt jede gesellschaftliche Entwicklung sich auf "rationalisierte Gebiete" und auf einen Handlungs- oder "irrationalen Spielraum". (7/S.99) Handlungsmöglichkeiten im Sinne von Eigenverantwortung und Risikobereitschaft sind erst dort geboten, wo der noch nicht rationalisierte Spielraum anfängt, das heißt, wo nicht regulierte Situationen zur Entscheidung zwingen. Diesen Spielraum findet man im irrationalen Kampf um Machtkompetenzen, beispielsweise in der freien Konkurrenz der Marktwirtschaft und im klassenmäßig aufgebauten sozialen Gefüge. Hier kommt das nicht organisierte, nicht rationalisierte Leben zur Geltung, in dem Handeln und Politik nötig und möglich werden. Von hier aus strahlen und gestalten sich auch alle jene tieferen Irrationalismen, die unsere innerste Erlebnissphäre erfüllen. Hier ist der Ort für Veränderungen.

"Für die Zukunft ergibt sich [daraus], daß eine absolute Utopie- und Ideologielosigkeit prinzipiell zwar möglich ist in einer Welt, die gleichsam mit sich fertig geworden ist und sich stets nur noch reproduziert, daß aber die völlige Destruktion der Seinstranszendenz in unserer Welt zu einer Sachlichkeit führt, an der der menschliche Wille zugrunde geht... Während der Untergang des Ideologischen [allerdings] nur für bestimmte Schichten eine Krise darstellt und die durch Ideologieenthüllung entstehende Sachlichkeit für die Gesamtheit immer eine Selbstklärung bedeutet, würde das völlige Verschwinden des Utopischen die Art der gesamten Menschwerdung transformieren. Das Verschwinden der Utopie bringt eine statische Sachlichkeit zustande, in der der Mensch selbst zur Sache wird." (7/S.224f.)

Wie Utopien und Ideologien tatsächlich wirken, zeigt die Entwicklung der Geschichte. Jede Entwicklungsphase war stets von Vorstellungen begleitet, die die jeweilige Realität transzendierten. Da sie aber in das entsprechende Weltbild "organisch" eingebaut waren, wirkten sie zunächst nicht als Utopien, sondern als Ideologien. Beispielsweise gelang es der feudal und kirchlich organisierten mittelalterlichen Ordnung, paradiesische Verheißungen auf einen geschichtstranszendenten Ort, ins Jenseits, zu verbannen und ihnen dadurch den revolutionären Impuls zu nehmen, denn diese Gehalte gehörten noch zu dieser Ordnung. Erst als bestimmte aufbegehrende Menschengruppen solche Wunschbilder zu verwirklichen bestrebt waren, wurden diese Ideologien zu Utopien.

Auch Wunschträume haben von jeher das historische Geschehen begleitet. Sie bilden den Fluchtraum für die vom wirklichen Leben nicht befriedigten Phantasie, ohne die zersetzende Wirkung von Utopien zu besitzen. Allerdings erwächst die leitende Utopie einer Gesellschaftsgruppe häufig der Sehnsucht und Träumerei eines vereinzelten Individuums, bevor sie später in das politische Wollen breiterer Schichten aufgenommen wird. Die Empfänglichkeit größerer Gruppen für solche Utopien hängt mit einer bestimmten sozialen Verwurzelung zusammen; in andere Umgebungen lassen sich Utopien daher auch viel schlechter und viel langsamer transportieren.

Zu der bisher rein formalen Unterscheidung von Utopie und Ideologie kommt die Verunklärung der Begriffe infolge messender und wertender Vorstellungen in der Praxis. Es kommt darauf an, von welchem weltanschaulichen Standpunkt aus man den Maßstab ansetzt. So erleben diejenigen, die mit der bestehenden Ordnung einverstanden sind, diese als wirklich, während diejenigen, die sie ablehnen, sich bereits an den tendenziellen Ansätzen der von ihnen gewollten und durch sie werdenden Lebensordnung orientieren. Dementsprechend bezeichnen die Vertreter einer bestimmten Wirklichkeit alle jene Vorstellungen als Utopie, die von ihnen aus gesehen prinzipiell niemals verwirklicht werden können. (9) Umgekehrt sind für die Utopisten die Inhalte ihrer Utopie nicht utopisch, sondern realisierbar. Der Begriff utopisch kann also immer nur von einer weltanschaulichen Gegenposition aus gelten.

Darüber hinaus erfolgt die konkrete Bestimmung des Utopischen nicht nur von einer bestimmten Position her, sondern auch zu einem bestimmten Zeitpunkt. Aus diesem Grunde ist es möglich, daß die Utopien von heute zu den Wirklichkeiten von morgen werden können. Die utopische Vorstellung geht der Entwicklung voraus. Umgekehrt ist man rückblickend in der Lage, eine vormalige Utopie beispielsweise als Ideologie, als Täuschungsvorstellung zu entlarven, wenn sie sich nämlich nicht verwirklicht hat. In der Verwirklichung liegt ein nachträglicher und rückwirkender Maßstab zu der Beurteilung von Sachverhalten, die, solange sie gegenwärtig sind, weitgehend noch dem Meinungsstreit der jeweiligen Lager unterworfen sind.

Wenn eine klare Differenzierung von Utopie und Ideologie nicht möglich ist, dann deshalb, weil sie sich gegenseitig durchsetzen. Beispielsweise war Idee der "Freiheit" des aufstrebenden Bürgertums vor 200 Jahren zum Teil eine wirkliche Utopie; sie enthielt Elemente, die das vorangehende Wirklichkeitsgefüge sprengten und die sich nach der Durchsetzung dieser Idee auch zum Teil in Wirklichkeit umsetzten. Die Freiheit im Sinne der Sprengung der zünftigen und ständischen Gebundenheit, im Sinne der Denk- und Meinungsfreiheit, der politischen Freiheit und im Sinne des Auslebens des Persönlichkeitsbewußtseins wurde weitgehend, zumindest mit Blick auf die vorangehende Gesellschaftsordnung, zur verwirklichbaren Möglichkeit. Aus heutiger Sicht erkennt man jedoch die ideologischen Elemente jener Freiheitsidee, die dort haltmachen mußte, wo die Elemente der dazugehörigen Gleichheitsidee in der später durchgesetzten Lebensordnung unverwirklichbar blieben.

Die geschichtliche Entwicklung ist nicht die geradlinige Verwirklichung sich fortsetzender Utopien, sondern nimmt oftmals ihren Verlauf durch sich bekämpfende Utopien und Gegenutopien. Nicht die reinen Utopien haben unsere Welt verändert, aber ihre Existenz wirkte sich stets auch bei den Gegenspielern aus, die sich an ihr orientierten, wenn auch oft ungewollt oder gar unbewußt. Diejenigen, die mit der jeweils gegebenen Wirklichkeit konform gehen und sie erhalten wollen, werden durch oppositionelle Gegenbewegungen zur Abwehr und damit zu einer Gegenutopie gezwungen. Ohne diese wechselseitige Reaktion würde das konservative Lager latent auf der Ebene des unbewußten Auslebens verharren. So aber bewirkt der "ideologische Angriff" einer wie auch immer gearteten aufstrebenden Gruppe ein Reflexivwerden dieser nur im Leben zur Geltung kommenden Einstellungen und Gehalte. Angetrieben und angeregt durch die oppositionellen Theorien, entdeckt das konservative Lager nachträglich seine Idee, die Gegenutopie. (7/S.199)

Die Form und das Tempo der geistigen Entwicklung in der gesamten Geschichte wurde auf diese Weise immer von den neu auftretenden jüngsten Gegenspielern der herrschenden Ordnung bestimmt. Zwar trat nicht immer nur das Neue als Sieger hervor, während das Ältere abstarb, aber das Ältere war stets gezwungen, sich auf die Ebene des neuesten Gegners zu begeben.

Anlaß einer Utopie ist immer die Unzufriedenheit mit einer gegebenen gesellschaftlichen Wirklichkeit. Eine gesellschaftliche Utopie braucht eine äußere Form. Diese Form ist der Ort bzw. der Nicht-Ort, das Nirgendland, das eine gewisse städtebauliche und architektonische Gestalt annimmt; die Sozialutopie wird zur Architekturutopie. Beide, Sozialutopie und Architekturutopie, sind die dominierenden Utopien in unserem Bewußtsein. Sie scheinen miteinander verkoppelt zu sein.

Indessen spiegeln die Idealstädte, die wir aus Renaissance und Barock kennen, keine Utopien wider. Sie sind reine Form, vor allem, wenn fortifikatorische Maßnahmen im Vordergrund der Planung standen. Sie reflektieren den Ordnungsgedanken der Schöpfung, sind also zumeist eine Darstellung des jeweiligen Weltbildes, eine symbolische Übertragung der abstrakten Vorstellung von Natur, von Welt und Universum - sofern sie nicht, wie in den überseeischen Neugründungen, auf rationale Wirksamkeit reduziert wurden.

Aus der griechischen Klassik sind uns ebenfalls Idealstädte auf der Basis kosmologischer Ordnungsgedanken bekannt. Das pythagoräische Grundmuster von Milet ist jedoch darüber hinaus Ausdruck gewachsener staatlicher Ideale, d.h. der städtebauliche und architektonische Gestalt annehmenden gelebten Demokratie, die sich im Geist des Perikles spiegelt. Für kurze Zeit fand im 5. Jahrhundert v.Chr. das Ideal der griechischen Polisgesellschaft, einer offenen Gesellschaft (in der das Gemeinwohl über dem Individualwohl stand), sein formales Äquivalent im Stadtgrundriß und in der Architektur, charakterisiert durch ein Straßenraster, egalitäre Eigentumsverhältnisse, Typenhäuser, eine freie, flexible Stadtmitte sowie Naturverbundenheit, die sich durch Anpassung an das Gelände äußerte, im übrigen aber symbolisch gemeint war.

Mit der Rückkehr zur Königsherrschaft in hellenistischer Zeit erfolgte die politische Entmündigung der griechischen Stadtstaaten, woraufhin sich das Interesse der neuerlichen Untertanen zunehmend auf den individuellen Lebensbereich richtete. Besonderen Anteil an der Diffamierung der Polisstruktur hatten die Philosophen, allen voran Platon und Aristoteles, die die Kultur des Abendlandes wie nur wenige historische Persönlichkeiten geprägt haben. Durch die Staatslehren von Platon und Aristoteles trat der intellektuell erdachte Idealstaat an die Stelle der gelebten staatlichen Ideale. Sie stellen sozusagen die frühesten überlieferten Utopien dar, die wir heute in ihrer Geschlossenheit und aufgrund ihrer Geschlossenheit als "Horrorvisionen" empfinden.

Platon entwickelte in seiner Staatslehre ein sogenanntes aristokratisches System. Die höchste Aufgabe des Staates sollte seine Selbsterhaltung, sein ethisch bestimmtes politisches Ziel der vollkommene Mensch im vollkommenen Staat sein. Aus der natürlichen Ungleichheit der Menschen ergab sich für Platon gemäß der Rangordnung der Tugenden, wie Gehorsam, Tapferkeit und Weisheit, eine Rangordnung der Stände, nämlich Bauern und Handwerker, Krieger und Beamte sowie Herrscher. Mit Hilfe der Erziehung sollte diese Art Auslese unterstützt werden; die Erziehung formt den Menschen in eine bestimmte Richtung.

Der rationale Raster von Milet erhielt in dieser Vision eine völlig neue Bedeutung: Platon dachte nämlich an eine klar gegliederte Stadt, da diese gut überwachbar sei, wobei er selbst allerdings eine konzentrische Struktur vor Augen hatte. Präzise zu dem hippodamischen System äußerte er sich nicht. Tatsächlich aber überlieferte Platon auch den Ort seiner Utopie: Atlantis.

Auf dieser Insel der Glückseligkeit vereinte sich "eine große, wundervolle Macht von Königen, welcher die ganze Insel gehorchte sowie viele andere Inseln..." (10/Timaios, 25a) "Jeder einzelne der zehn Könige übte in seiner Stadt Gewalt über die Bewohner seines Gebietes und über die meisten Gesetze; er bestrafte und ließ hinrichten, wen er wollte." (10/Kritias, 119c) Da das wunderbare Herrschergeschlecht göttlicher Abstammung nach vielen Generationen entartete, mußte die Insel durch Willen des Zeus im Atlantischen Meer versinken. Isolation und Geschlossenheit hatten sich bereits in diesem legendären Idealstaat nicht bewährt.

Léon Kriers utopischer Entwurf bezieht sich direkt auf Atlantis. Inhaltlich ist damit eine rückwärtsgewandte Utopie verbunden, die jede technische Entwicklung seit der industriellen Revolution verwirft und sich allein auf die Architektur der Antike beschränkt. Wenn wir diese Utopie der Vergangenheitsbeschwörung in die Zukunft projizieren, was ja der Sinn einer Utopie ist, dann erahnen wir auch hier nichts Gutes. Abgesehen von einer ganz massiven Architekturkritik, die man anführen müßte, ist Krier vorzuwerfen, daß er die Evolution, den Fortgang der Entwicklung gänzlich ignoriert. Der Entwicklungsstillstand ist der Schwachpunkt aller Utopien, wollte man sie als geschlossene Systeme für geschlossene Gesellschaften in die Realität umsetzen - als Insel.

Wenngleich wir mit Platons Vorstellungen vom irdischen Glück nicht unbedingt konform gehen, erkennen wir in seinem Ideal des kollektiven Wohnens, der Gemeinschaftsverpflegung und der Abschaffung des Privateigentums soziale Wunschbilder, die sich in fast allen Epochen der europäischen Geschichte wiederholen und mehr oder weniger gradlinig auf eine kommunistische Glückseligkeit zielen.

Dies trifft in frappierend freiheitlicher Form auch für die bekannte spätmittelalterliche Utopie des Humanisten Thomas Morus zu, Wortschöpfer und Erfinder der Insel U-Topia. Mit der Veröffentlichung von "Utopia" im Jahre 1516 wurde die politische Utopie par excellence geboren. "Die Organisation dieses Staatswesens hat vor allem diesen einen Zweck vor Augen, alle Zeit, soweit es die Arbeiten für die Bedürfnisse der Gesamtheit erlauben, den Bürgern zur Abstreifung der Knechtschaft des Leibes und zur Befreiung und Ausbildung des Geistes zugute kommen zu lassen. Denn darin sehen sie das wahre Glück des Lebens." (8/S.111)

Seine Republik bezeichnete Thomas Morus als "Gemeinwesen". Sie ist der Entwurf einer Gegenwelt, denn sie hat die oftmals grausame Wirklichkeit seiner Zeit ganz einfach in ihr Gegenteil gekehrt: die Diskriminierung, Ausbeutung, Reglementierung, kirchliche Intoleranz, brutale Strafverfolgung, Geldgier, Neid und Rache. Nicht eine geheimnisvolle Elite entscheidet über Recht und Unrecht, über Wissen und Nichtwissen, sondern alles ist vorhanden und jedem zugänglich. Diese allgemeine Aufgeklärtheit und geistige Emanzipation in Utopia gewährleistet mit dem Fehlen von Privateigentum, daß nicht irgendein Dummkopf, so Morus, das Sagen hat, nur weil er zufällig mehr Reichtümer besitzt als andere. (8/S.129)

Thomas Morus vollbrachte mit seiner Utopie das Kunststück, geltendes Unrecht nach dem Prinzip des Gemeinwohls abzuschaffen, ohne individuelles Leben totalitär zu verplanen. Obwohl er sich an Platon orientiert haben soll, unterscheidet Morus sich dadurch grundlegend von seinem Vorbild, in dessen Idealstaat Gerechtigkeit durch den Zwang einer herrschenden Philosophenelite ausgeübt wird. Darüber hinaus, und das ist für die damalige Zeit von besonderer Bedeutung, hatte Morus mit seiner Formel den Widerspruch zwischen politischer Realität und christlicher Lehre drastisch aufgezeichnet. Er entlarvte die Jenseitsverheißungen als Täuschung und vermochte auf längere Sicht möglicherweise auch etwas zu bewegen, denkt man an die verzweifelten Machtkämpfe, die in den folgenden Jahrhunderten von der Kirche ausgetragen wurden, oder an die Bauernkriege im 16. Jahrhundert. Allerdings illustriert die Landkarte von Utopia, daß damals offenbar nur wenige Menschen für den Idealentwurf von Thomas Morus reif waren. Er hatte seine utopische Stadt Amaurotum - vermutlich unter dem Einfluß der Erzählungen Amerigo Vespuccis - ziemlich exakt als eine viereckig angelegte Anlage mit gleichmäßiger Blockrandbebauung, dreigeschossig, mit Flachdach und rückwärtigen Gärten beschrieben; sie besaß nichts von der mittelalterlichen Romantik der zeitgenössischen Landkarte.

Utopia hat als erste Sozialutopie zu mehreren sozialutopischen Idealstädten angeregt; die ersten Entwürfe, die über die paternalistischen und karitativen Institutionen früherer Jahrhunderte hinausgingen, sind die von Charles Fourier und Robert Owen, in gewissem Sinne auch von Claude-Nicolas Ledoux. Sie alle entstanden im Zusammenhang mit der Industrialisierung. Anstelle der Fürsorge setzten sie die ökonomische Einheit von Arbeits- und Konsumstätten, deren Planung von vornherein die gesellschaftliche Geschlossenheit aller Bewohner im Auge hatte. Aber gerade damit standen sie auch in scharfem Gegensatz zu den politischen und ökonomischen Gegebenheiten des industriellen Zeitalters, dem internationalen Austausch von Ideen und Waren.

Die Architekturutopie wird nicht wie die Sozialutopie als ein Denkgebäude entworfen. Sie gehorcht den Regeln der Bilder. Der Kunsthistoriker Adolf Vogt stellte dazu fest, daß "die voll ausgewachsene, voll auskristallisierte Sozialutopie auf ganz natürliche Art zur Architekturutopie wird": wenn der Entwurf zu einem neuartigen Zusammenleben der Menschen wirklich präzise vorgestellt würde, dann sei diese Vorstellung notgedrungen auch eine räumliche Vorstellung - und damit bereits ein Stück architektonische (resp. städtebauliche) Organisation. Die Sozialutopie brauche als Hülle, als Verfestigung und Verräumlichung, um sich selbst darstellen zu können, die entsprechende Architekturutopie. Erst wenn sich beide entsprechen, sich ergänzen, erscheine die Utopie als etwas Ganzes. (15/S.28f.)

Es ist sicher kein Zufall, daß fast alle Utopisten die architektonische Organisation ihrer Orte in Worten derart beschrieben, daß sich danach eine planimetrische oder gar stereometrische Darstellung herstellen läßt. (4/S.39f.) Von Robert Owens Sozialutopie gibt es präzise Pläne, teilweise von ihm selbst angefertigt. Die bekannte Stadtansicht von New Harmony im US-Bundesstaat Indiana ist eine Zeichnung von Thomas Stedman Whitwell aus dem Jahr 1824, mit der ein adäquater Schritt von der Sozialutopie zur Architekturutopie vollzogen wurde, auch wenn die ein oder andere architektonische Form bekannt und der neue Bautypus noch nicht vollständig ausgeprägt ist. Immerhin wurde einer selbständigen Raum- und Körpervorstellung Ausdruck verschafft und die sichtbare Unterscheidung von herkömmlichen Architekturen, etwa vom Schloß oder vom Klosterbau, erreicht. Die Sozialutopie wurde mit der architektonischen Präzisierung nicht nur illustriert, sondern in erster Linie ganz bewußt sichergestellt. Architektur bietet ja nicht nur die Funktionen der Unterkunft und der Selbstdarstellung einer gewissen Interessengruppe, sondern gewährleistet auch bestimmte Abläufe. Die Art und Weise der Grundrisse, der Verbindungswege zu den Gemeinschaftseinrichtungen, der inneren Disposition der Gemeinschaftsräume usw. legen einen Ablauf und dadurch ein bestimmtes Verhalten nahe, das sich durch Wiederholung einprägen kann.

Im Fall Fourier erhielt die Utopie die alte, imitierende Hülle eines konventionellen Barockschlosses, gezeichnet von Victor Considérant. Neuartig ist lediglich das Erschließungssystem im Innern des Gebäudes, wo Galeriestraßen und glasgedeckte Gänge die Wohnungen mit den Gemeinschaftsräumen verbinden. Insofern ist Fouriers Sozialutopie nicht zur konsequenten Architekturutopie geworden, die mit neuen Raumformen auf die neuen Lebens- und Verhaltensformen zu antworten hätte.

Wenn man nachschaut, was aus den Utopien wird, sobald man sie zu realisieren versucht, gewinnt man den Eindruck, daß sie durchweg scheitern. Fouriers Phalanstère wurde zwar als Familistère (von Godin in Guise) verwirklicht, aber unter einschneidenden Veränderungen als eine Art Produktionsgenossenschaft, indem das Unternehmen ganz auf die Industrie gestützt und das Gemeinschaftsleben abgeschafft wurde. New Harmony mußte bereits in seinen Anfängen aufgegeben werden. Das Scheitern dieser Siedlungsexperimente wird in der modernen Forschung mit ihrem Inseldasein begründet. "Eine isolierte Gruppe, mögen ihre Mitglieder einen noch so hohen Grad an Idealismus besitzen, ist nicht in der Lage, die Gesellschaft, von der sie sich abgekapselt hat, zu verändern." (2/S.21)

Auch die fiktive Insel Utopia macht dieses Abhängigkeitsverhältnis deutlich. Utopia ist als ein nur bedingt geschlossenes System konzipiert. Auslandsreisen sind möglich, Ausländer werden ebenfalls willkommen geheißen; es herrschen freundschaftliche Beziehungen zu den Nachbarländern. Dennoch findet kein nachhaltiger Austausch statt: Handel ist nicht erforderlich und nicht erwünscht, geistige Anregungen nimmt man gerne auf, doch eine Veränderung oder Entwicklung des Systems wird dadurch nicht bewirkt, und da die übrige Welt trotz gelegentlicher Freundschaftsdienste nicht völlig zum Guten zu bekehren ist, bleibt Utopia isoliert und unveränderlich. Der Freiraum, der allen Bürgern gewährt wird, ist unserem heutigen Verständnis gemäß kein wirklicher Freiraum. Was fehlt, ist der irrationale Spielraum, der die Veränderung bringt, der aber auch Kampf und Ungerechtigkeit bedeuten kann. Dieser Widerspruch legt die ganze Problematik des Utopiebegriffs offen.

Das Scheitern utopischer Experimente sollte aber nicht allein damit begründet und beurteilt werden, daß alle Initiativen für eine Teilreform von einer umfassenden Gesellschaftsreform abhängig sind. Das würde nämlich bedeuten, Architektur und Städtebau von der politischen Diskussion abzutrennen und zur reinen Technik im Dienste der herrschenden Klasse, sprich der Politik und der Wirtschaft, absinken zu lassen.

Utopie aber hat etwas mit Kultur zu tun, mit technischer Entwicklung und mit Stadt. Sie ersetzt die menschliche Gemeinschaft, die gegen ein verstandesmäßiges Zweckbündnis eingetauscht wurde, durch die Gesellschaft, ein Produkt der städtischen Lebensform seit es Stadt gibt. Stadt und Kultur brauchen Utopie; sie fördert die Entwicklung, sie leitet die Entwicklung, denn sie bewirkt die Spannung zwischen zwei Polen, zwischen realer Welt und Gegenwelt. Dies wird nirgendwo anschaulicher als in der Architektur. Denkt man an die zahlreichen visionären, phantastischen und spielerisch-poetischen Entwürfe der Vergangenheit, von Boullée über Le Corbusier und Leonidow bis Archigram, bleibt festzustellen, daß sie alle von dem ungeheuren Verlangen nach Veränderung geprägt sind. Daß sie uns noch heute stimulieren und bewegen, hat sie in gewissem Sinne Wirklichkeit werden lassen. So ist auch das Segel des Berliner Turmhauses am Kantdreieck ein Symbol für das Aufbrechen von Traditionen und Tabus, für Bewegung und Wagnis, ebenso der von Christo und Jeanne-Claude verhüllte Reichstag, der uns nach über 20jährigem Kampf gegen die Reaktion vom Triumph der Avantgarde einer offenen Gesellschaft erzählt - und Sir Norman Foster hat das Glück, das historische Parlamentsgebäude nach der Verhüllungsaktion sozusagen als geläutertes Monument übernehmen zu können.
© Andrea Mesecke 1995

Literatur:
1) Bloch, Ernst: Gesamtausgabe Bd. 5, Das Prinzip Hoffnung, Frankfurt a.M. 1959
2) Bollerey, Franziska/Kristiana Hartmann: Kollektives Wohnen. Theorie und Experimente der utopischen Sozialutopisten Robert Owen (1771-1858) und Charles Fourier (1772-1837), in: "archithese" 1973 (8) 15-26 ...zurück
3) Freyer, Hans: Die politische Insel. Geschichte der Utopien von Platon bis zur Gegenwart, Leipzig 1936
4) Gradow, G.A.: Stadt und Lebensweise, Berlin 1971 ...zurück
5) Harbison, Robert: Das Gebaute, das Ungebaute und das Unbaubare. Auf der Suche nach der architektonischen Bedeutung, Basel/Berlin/Boston 1994
6) El Lissitzky: 1929. Rußland: Architektur für eine Weltrevolution, Berlin/Frankfurt a.M./Wien 1965
7) Mannheim, Karl: Ideologie und Utopie, Frankfurt a.M. 1965 (4. Aufl.) ...zurück
8) Morus, Thomas: Utopia, it 1206, Frankfurt a.M. 1992 ...zurück
9) Nenning, Günther: Das Prinzip Utopie, in: "Die Zeit" Nr. 1 (31.12.1993) ...zurück
10) Platon, Sämtliche Werke, Bd. 5 (Politikos, Philebos, Timaios, Kritias), Rowohlts Klassiker 47, Hamburg 1959 ...zurück
11) Schmidt, Arno: Die Gelehrtenrepublik. Kurzroman aus den Roßbreiten, Fischer Taschenbuch 9126, Frankfurt a.M. 1965
12) Schmidt, Heinrich: Philosophisches Wörterbuch, neu bearb. v. Georgi Schischkoff, 21. Aufl., Stuttgart 1982 ...zurück
13) Thomsen, Christian W.: Architekturphantasien. Von Babylon bis zur virtuellen Architektur, München 1994
14) Vercelloni, Virgilio: Europäische Stadtutopien. Ein historischer Atlas, München 1994
15) Vogt, Adolf Max: Russische und französische Revolutions-Architektur 1917 / 1789. Zur Einwirkung des Marxismus und des Newtonismus auf die Bauweise, Köln 1974 ...zurück