Reiseimpressionen

 

Müßiggang im bretonischen Dinard
von Dora Meyer

Da höre ich es wieder, das sehnsuchtsvolle metallische Klimpern der Segelbootmasten und Möwengeschrei. Einsam ist es an der bretonischen Kanalküste außerhalb der Saison, windig und grau. Eine jubelnde Schulklasse rennt aufgeregt über die Promenade zum Meer, das sich weit hinter den Strand zurückgezogen hat. Dort draußen graben ein paar versprengte Punkte nach Muscheln suchend im Schlick. Es ist Ebbe, so niedrig wie fast nirgendwo sonst, hier am Bosporus des Okzidents, wie man das Mündungsbecken der Rance einmal selbstbewusst getauft hat: hüben der elegant-spritzige Badeort Dinard, drüben die misstrauisch wirkende Korsarenfestung von Saint-Malo.

     
   

ANDREA MESECKE

    © acmym.de 2007-3000    

Haupt- und Nebensaison unterscheidet man in Dinard erst, seitdem die arbeitende Klasse mit geregeltem Urlaub gesegnet ist. Zuvor, in den „glücklicheren“ Tagen der Belle Epoque, trafen sich Müßiggänger von Rang und Namen zu jeder Jahreszeit an diesem Flecken. Das milde Klima des Golfstroms machte es möglich. Sie hinterließen Spuren, die Schönen und Reichen von damals, und verliehen dem noch heute überaus beliebten Ort seinen so distinguierten Charme mit einer prachtvollen Villenarchitektur, die für französische Badeorte ebenso charakteristisch wie außergewöhnlich ist. Mondän, schrullig oder innovativ zeugt sie vom modernen Lebensgefühl einer aufstrebenden bürgerlichen Gesellschaftsschicht.

Das kitschige Stadtmuseum will mit seinen festungsartigen Türmen gar nicht so recht in dieses Bild passen. Ich werde vom Direktor persönlich empfangen, einem eifrigen Heimatforscher, der mir sogleich die komplizierten Verstrickungen unter Dinards berühmten und weniger berühmten Badegästen anvertraut, während wir die vergilbte Fotogalerie aus Urgroßvaters Zeiten betrachten.

Dinard war zu Beginn der industriellen Revolution eine durch Landwirtschaft wohlhabend gewordene Kommune, dazu fortschrittlich und weltoffen. Viele ihrer Söhne bereisten als Schiffskapitäne die Weltmeere und brachten neben Neuigkeiten mediterrane Pflanzenpracht mit nach Hause. Als um die Mitte des 19. Jahrhunderts erste ausländische Touristen aus Großbritannien das winzige Dorf für sich entdeckten, war die ansässige Bourgeoisie aufgeschlossen genug, mit dem Bau kleiner Ferienhäuser zu beginnen. Die Dampfschifffahrt verursachte 1858 einen gewaltigen Entwicklungsschub. Nun waren es die Fremden selbst, eine illustre Gesellschaft von kosmopoliten Bonvivants, englischen Altkolonialisten und steinreichen Industriellen aus Amerika, die ihre eigenen Villen errichteten, wahrhaftige Paläste.

Die Einladung zur gemeinsamen Ortsbesichtigung nehme ich gerne an. Durch eine köstliche salzhaltige Meeresbrise gelangen wir zu der bezaubernden Küstenbebauung von La Malouine. Einer Anekdote zufolge wurde dieser Landstrich von dem Belgier Albert Lacroix erschlossen. Der Verleger des großen Victor Hugo hatte seine Fähre verpasst, die ihn zu dem im Exil lebenden Dichter nach Jersey bringen sollte, und verbrachte die Nacht bei einem Fischer im Dorf. Tags darauf erwarb er kurzerhand den wilden Baugrund mit Blick auf die Befestigung von Saint-Malo. „Ja, und dann ging es unaufhaltsam weiter,“ erfahre ich aus kundiger Quelle. Am malerisch zwischen den Steilklippen von La Malouine und der Halbinsel Moulinet gelegenen Strand L'Ecluse entstand das erste Kasino weit und breit. Es wurde auf Holzpfählen errichtet und von der Flut unterspült. Hinzu kamen das veritable Grand Hotel und eine Badeanstalt mit rollenden Kabinen.
 

 

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Artikel und Aufsätze

 

Bis zur Jahrhundertwende avancierte „Dinard la belle“ zum exklusivsten Badeort Frankreichs, obendrein mit den modernsten technischen Standards des Landes ausgerüstet. Dort, wo wir heute so gemächlich vor uns hinschlendern, flanierten dereinst weltgewandte Gäste aus Madrid und Istanbul, Bosten und Wien; eine russische Familie soll sogar mit Spezialwaggon aus Sankt Petersburg angereist sein. Um so herber war die Enttäuschung, als der für das Frühjahr 1870 angekündigte Besuch von Kaiser Napoleon II. und seiner Gemahlin Eugénie ausfallen musste, weiß mein Begleiter zu berichten. Dennoch werden die Annalen des Ortes von den Namen zahlreicher bekannter Persönlichkeiten geschmückt. Richard Wagner soll Gast bei Madame Judith Gautier gewesen sein, die sich rührig um die Versammlung mittelloser Künstler und Intellektueller in ihrem Hause bemühte. Ein Vierteljahrhundert später, so heißt es, ließ Claude Debussy sich in Dinard zu seiner symphonischen Dichtung La Mer inspirieren. Und Pablo Picasso verbrachte mit seiner Familie bescheidene Ferien in einer kleinen Mietwohnung.

„Schade nur, daß Le Crystal nicht mehr ist“, bedauert unser liebenswerter Museumsdirektor. Das legendäre Hotel mit Kasino aus dem Jahr 1892 stand direkt am Strand und war fast vollständig verglast. Von seinem Aussichtsturm konnte man die gesamte Bucht überblicken, und sein berühmtes Eiscafé war beliebter Treffpunkt nicht nur für Künstler. Le Crystal wurde nach 85 Jahren zugunsten eines Hotelneubaus abgerissen. Jetzt bereut man diese voreilige Tat, doch glücklicherweise halten sich vergleichbare Bausünden in Grenzen. Die Perle der Côte d'Emeraude wird ihrem exklusiven Ruf noch heute gerecht. Für die Rückreise nach Saint-Malo wähle ich das wankende Linienboot. Etwas wehmütig werde ich schon, als ich die stolz aufragenden Villen allmählich schwinden sehe.
 

 

Anreise: Mit dem Flugzeug oder Zug nach Paris, weiter mit dem TGV nach Rennes, Regionalbahn nach Saint-Malo, Linienbus nach Dinard.
Literatur: Bretagne. DuMont Richtig Reisen, Ostfildern: DuMont Reiseverlag, 3., aktual. Aufl. 2004. - Dinard. Ein Spaziergang durch die Villen von La Malouine (Fotodokumentation), hrsg. v. J. P. Kleihues, Köln: Walther König 1999.
Information: Maison de la France, Zeppelinallee 37, D-60325 Frankfurt am Main.