 |
Andrea
Mesecke: Öffentliche Bauten in Katalonien zwischen 1888 und
1929. Bad Wiesseer Tagung des Collegium Carolinum e.V. (Bauen für
die Nation), November 1996.
33
Die Sieger hatten mit ihrem Vorschlag eindeutig auf akademische
Grundprinzipien und den klassizistischen Formenschatz zurückgegriffen
und damit den Zeitgeist des Noucentisme getroffen. Er wurde unverändert
im Jahr 1927 ausgeführt. Puig i Cadafalchs
Beitrag hingegen war ein eher liberaler, in der Sachlichkeit seiner
späten Einfamilienhäuser verfaßter Entwurf, dessen
Neuheit in der Bauaufgabe begründet ist, da es sich um ein
öffentliches und staatliches Bauwerk handelt.(31) |
|
| |
34
Die Mischung aus funktionaler Sachlichkeit, regionalem Traditionalismus
und klassizistischem Historismus spiegelt zum einen die Bedingungen
des Wettbewerbs, die auf eine repräsentative architektonische
und städtebauliche Lösung zielten. Zum anderen veranschaulicht
der Vorschlag Puig i Cadafalchs, wie sehr der Architekt auf eine
unmißverständliche Symbolik und konventionelle Schemata
für öffentliche Funktionen angewiesen war. Die formale
Umwandlung architektonischer Kompositionselemente nahm er zugunsten
reiner Stilzitate nicht vor. Das Resultat scheint indes nicht einen
historischen Moment zu reflektieren, sondern den inneren Zustand
des Architekten, dessen Schaffen sich im Zwiespalt zwischen Innovation
und Konvention befand. Hinzu kommt, daß Puig i Cadafalchs
vergleichweise liberale Haltung in seinen Entwürfen auf wenig
Gegenliebe stieß, weil eine generelle Bereitschaft zur "Rückkehr
zur Ordnung" bereits latent vorhanden war.
Doch Puig i Cadafalch lehnte den klassischen Formenschatz aus architekturtheoretischen
Gründen dezidiert ab. Daß er in seinem Spätwerk
dennoch auf ihn zurückgriff, läßt sich allein durch
die politsche Notwendigkeit erklären, Katalonien mittels international
sanktionierter Architekturformen als gleichwertige Nation herausstellen
zu müssen.(32) Die verzögerte Ausführung
des streng neuklassizistischen Projektes für das Postgebäude
von Goday und Torres im Jahr 1927 erfolgte in Übereinstimmung
mit dem damaligen Zustand von Politik und Gesellschaft in Spanien.
35
Die Eingangsfassade des von Puig i Cadafalch vorgelegten Entwurfs
für die Hauptpost stellt sich dreigeschossig, mit zurückversetztem
Attikageschoß, flankierenden Rundtürmen und fünfteiliger
Säulenvorhalle über einem frontalen Treppenaufgang dar.
Wesentliches Gliederungselement ist ein beide Obergeschosse umfassender
Mittelrisalit, dem vier Kolossalsäulen mit verkröpftem
Gebälk vorgeblendet sind. Ein eminentes Wappen bildet den krönenden
Abschluß der Fassade. Doch der hierarchische Aufbau wird noch
durch ein Türmchen gesteigert, das sich in Erinnerung an die
Glockentürme des valencianischen Barock über der Terrasse
des Attikageschosses erhebt und als Basis eines offenen Rundtempels
dient.
36
Der stark gegliederte axiale und spiegelsymmetrische Fassadenaufbau
verleiht dem Postgebäude Monumentalität. Eine Betrachtung
des ausgeführten Projektes von Goday und Torres verdeutlicht
jedoch, wie sehr Puig i Cadafalch vom Monumentalismus der offiziellen,
vor allem während der Diktatur in den 20er Jahren geförderten
Architektur entfernt war und somit auch von einer Ideologie, die
in der Folgezeit die einschüchternde Gewichtigkeit des Neuklassizismus
für den europäischen Faschismus auszunutzen vermochte.
Der Entwurf Puig i Cadafalchs zeigt ein nach außen sich öffnendes
Gebäude, das danach verlangt, betreten zu werden. Es ist entgegen
der "demokratischen Monotonie" - insbesondere, was die
ausgedehnten Seitenansichten anbetrifft - zwar in Fragmente unterteilt,
die glatt belassenen, stark und regelmäßig durchbrochenen
Wandflächen verbergen aber nicht das Bemühen um sachliche
Gelassenheit. Auf menschliche Maße abgestimmt und mit folkloristischen
Details versehen, wäre das Bauwerk in einem ostentativ machtpolitischen
Zusammenhang undenkbar. Denn ungeachtet der monumentalisierenden
Eingangsanlage liegt dem Gebäude die herrschaftliche Masía
(Landgehöft) als Vorbild zugrunde. Sie ist der neuen Funktion
angepaßt, doch traditionell in der Komposition und voller
Anspielungen auf das katalanische Architekturerbe.
37
Vor allem an der Seitenfassade der Vía Laietana ist die erhaltene
Vorliebe für geschlossene Kompositionen ablesbar, die zu avantgardistischen
oder modernen Tendenzen gänzlich im Widerspruch steht. Auf
der glatt verputzten Mauerfläche bildet zu beiden Seiten eines
Mittelrisalits jeweils ein elfteiliges Fensterband aus schmalen
Einzelelementen zwischen Rundpfeilern ohne Kapitell den unteren
Abschluß. Im mittleren Geschoß dominiert die Fläche
mit sechs hochformatigen Öffnungen. Die ehemalige Fensterarkade
der katalanischen Spätgotik im obersten Geschoß wurde
vereinfacht und gleichfalls als Fensterband zwischen Rundpfeilern
auf durchgezogener Sohlbank ausgebildet. Ein vorkragendes Gebälk,
das von der Dachkonstruktion der Masía abgeleitet ist, schließt
die Fassade ab. Darüber werden die Terrasse des zurückversetzten
Attikageschosses und das Flachdach jeweils von einer barocken Dockenbrüstung
eingefaßt. Rein dekorativ ist die üppige Bemalung der
Hauptgeschoßzone mit Girlanden und Schleifen zu verstehen.
Der Mittelrisalit ruft mit zwei quadratischen Turmaufbauten trotz
neuklassizistischer Ausführung sogleich die Wehrtürme
befestigter Landhäuser in Erinnerung. Eine rigorose vertikale
Fassadengliederung und der überreichliche, von nachfolgenden
Bauten Puig i Cadafalchs her bekannte Barockschmuck des zentralen
Seitenportals vermitteln jedoch weniger romantischen Lokalpatriotismus
als den Eindruck konfuser Wohlstandssymbolik einer veränderten
Gegenwart.
38
Die Hauptfassade unterscheidet sich von den übrigen Ansichten
vor allem durch ihre vorgestellte Eingangsanlage. Gleichwohl wirkt
der fünfteilige Portikus mit einer Tiefe von einem Interkolumnium
ungleich weniger monumental als das Portal des ausgeführten
Baus von Goday und Torres mit nur vier Kolossalsäulen. Er präsentiert
sich in der eleganten toskanischen Ordnung, die einer fünfteiligen
Rundbogenarkade vorgeblendet ist, wobei die Girlandenbemalung des
Architravs den Schmuck des wegfallenden Frieses ersetzt. Auffällig
ist auch die ausgeprägte Verkröpfung des Gebälks,
das zugleich als Brüstung des Söllers dient. Puig i Cadafalch
verweist mit der stilistischen Anspielung unverhohlen auf das italienische
16. Jahrhundert im Zeichen von Michelangelo, Palladio oder Sansovino.
Demgegenüber scheint er sich für den Risalitteil der Obergeschosse
und den Turmaufbau am valencianischen Barock des 17. Jahrhunderts
inspiriert zu haben.
|
|