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Innovativ ist gleichermaßen der flächige Charakter der
zurückhaltend ornamentierten Vorhangfassade - Puig i Cadafalchs
historischen Untersuchungen zufolge nicht etwa nur ein modernes
Charakteristikum, sondern zugleich traditionelles Merkmal katalanischer
Architektur. Desweiteren griff Domènech auf typische Materialien
und mittelalterliche Handwerkstechniken zurück, deren Erinnerungscharakter
er durch Zitate oder typologische Verweise auf die katalanische
Spätgotik und den Mudéjarstil verstärkte.
Die Feststellung, daß es sich auch in diesem Fall um eine
Anspielung auf das aragonesische Königreich handeln soll, die
in der gestalterischen Anlehnung an die Valencianische Börse
(1483-1498) gipfele, einem "der Hauptwerke des mittelalterlichen
Profanbaus und Symbol der katalanisch-aragonesischen Handelsmacht"(15),
erweist sich als irreführend. Tatsächlich wird der aragonesische
Anteil an der katalanischen Blütezeit in der katalanischen
Geschichtsschreibung des 19. und 20. Jahrhunderts beharrlich verdrängt
und folglich die spätgotische Börse in Valencia allein
der katalanischen Baukunst zugerechnet.
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Desgleichen steht fest, daß der Mudéjarstil in Katalonien
nur unwesentliche, in Aragon hingegen starke Spuren hinterließ,
was denselben Domènech i Montaner veranlaßte, in seinem
architektonischen Manifest "Auf der Suche nach einer nationalen
Architektur" (1878) deutlich zwischen katalanischer und kastilischer
- einschließlich aragonesischer - Baukunst zu unterscheiden:
die Gotik betrachtete er als das architektonische Erbe Kataloniens,
den Mudéjarstil als Nachlaß Kastiliens. Trotzdem spielte
Domènech i Montaner auf den Mudéjarstil an. Damit
drängt sich die Schlußfolgerung auf, daß das Café-Restaurant
- wie der Triumphbogen - katalanische Nationalarchitektur weniger
durch plakative Verweise repräsentiert als durch eine progressive,
innovationsfreudige Haltung, die zwar in bezug auf Spanien katalanisch
ist, in erster Linie aber eine Entwicklungsstufe in der europäischen
Industrialisierungsphase kennzeichnet. Zudem war Domènechs
Aufforderung zu einer nationalen Architektur,
auch wenn dies in der Literatur verkannt wird, in Wahrheit eine
Aufforderung zu einer internationalen Architektur, bei der es nur
vordergründig um stilistische Fragen ging, im wesentlichen
aber um Konzeption, Komposition, Konstruktion und Technik - architektonische
Kriterien, die auf einen internationalen Universalstil in unbestimmter
Zukunft abzielten.(16) Auf dem Weg dorthin erfüllte
der Mudéjarstil für Domènech i Montaner und viele
seiner Kollegen denselben Zweck wie die lombardische Romanik für
Berlage.
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Unterdessen erschwerten äußere Bedingungen bis kurz nach
der Jahrhundertwende die demonstrative künstlerische Selbstdarstellung
Kataloniens an monumentalen öffentlichen Bauwerken, wie sich
dies am Werk des Architekten Josep Domènech
Estapá (1858-1917) beispielhaft überprüfen läßt.
Domènech Estapá wird gemeinhin als Eklektizist und
Gegner des Modernisme bezeichnet, der sich nicht völlig dem
Einfluß der nationalen (modernistisch-naturalistischen) Architektur
habe entziehen können.(17) Der Großteil
seiner Bauten entstand im öffentlichen und zumeist staatlichen
Auftrag und zeigte sich lange vor der zweiten katalanischen Bewegung,
dem Noucentisme, klassizistisch-rationalistisch - wobei Domènech
Estapá sich vor allem strukturell an die Prinzipien der Akademie
hielt, während er in seinen stilistischen Anspielungen eher
autochthon war. Gleichwohl mangelt es allen seinen Bauten an Innovationskraft.
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Zu einem sehr frühen Zeitpunkt errichtete Domènech Estapá
das Gefängnis Modelo (1881-1904; mit Salvador Vinyals i Sabaté),
bestehend aus einem kreuzförmigen Baukörper, einem separaten
Gefangenentrakt und einem Verwaltungsbau. (Abb. 3) Alle Gebäude
zeichnen sich durch ablesbaren Funktionalismus aus und präsentieren
sich mit schmucklosen, konventionell hierarchisch strukturierten
Fassaden. Von einem gemäßigten Eklektizismus mag man
auch bei der Akademie der Wissenschaften (1883) (Abb. 4) und dem
Hospital Cliníc mit der Medizinfakultät (1904) (Abb.
5+6) sprechen, die den tradierten Typologien jeweils Rechnung tragen.
Der Justizpalast (1887-1908; mit Enric Sagnier i Villavecchia),
zwar groß in seinen Ausmaßen, aber keinesfalls von monumentalen
Proportionen, bildet mit seinem langstreckten, durch einen zurückversetzten
Eingangstrakt gebrochenen Baukörper geradezu einen Gegenentwurf
zu den bombastischen bürgerlichen Gerichtsgebäuden des
19. Jahrhunderts - trotz seiner acht imposanten Ecktürme und
trotz der akademisch barockisierenden äußeren
Struktur. (Abb. 7) In Anbetracht der komplexen Innenausstattung,
in der an prominenter Stelle das konstruktive Material Eisen sichtbar
eingesetzt und sämtliche handwerklichen Künste im Sinne
eines Gesamtkunstwerkes vereint wurden, ist an diesem Bauwerk sogar
eine gewisse Zugehörigkeit zum Modernisme zu vermerken.(18)
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Daß Domènech Estapá bei dem Verwaltungsgebäude
der Katalanischen Gas- und Elektrizitätsgesellschaft (1893-95)
(Abb. 8) die Fassadenkomposition einheimischer spätgotischer
Paläste aufgriff, die im historischen Zentrum Barcelonas zu
finden sind, kennzeichnet ihn zweifelsfrei als katalanischen Nationalisten.
Zahlreiche der modernistischen Wohnhäuser sind durch diesen
typischen Fassadenaufbau charakterisiert. (Abb. 9+10) Zudem entstand
Domènech Estapás eigenes Mietwohnhaus in einer funktionalistischen
Art, die man auch unter ästhetischen Gesichtspunkten dem Modernisme
zuschreiben muß. (Abb. 11) Die materielle und konstruktive
Eigenschaft des Ziegelsteins dient der äußeren Erscheinung
ebenso wie seine Farbigkeit, die mit anderen Materialien in Kontrast
gesetzt wurde, ergänzt durch das arabische Trencádis-Mosaik
aus glasierten Keramikscherben. Paradoxerweise entstand dieses Gebäude
erst 1908-09, das heißt zu Beginn der noucentistischen Ära
Kataloniens (vgl. weiter unten). Betrachtet man schließlich
den Turm der Gaswerke (1906) (Abb.12), so scheint sich tatsächlich
zu bewahrheiten, daß Josep Domènech Estapás
überwiegend antimodernistische bzw. antinaturalistische (im
übrigen gezielt gegen Antoni Gaudís Interpretation gerichtete)
Architekturauffassung allein Folge einer rigorosen Differenzierung
nach Bauaufgaben war - bedingt durch den staatlichen
Auftraggeber. In diesem Sinne weitaus strenger an der akademischen
Beaux-Arts-Architektur orientierte öffentliche Bauten in Barcelona
sind das Neue Zollhaus (1896-1902) von Enric Sagnier mit einer traditionellen
klassischen Fassadenkomposition (Abb. 13) und der ehemalige Nordbahnhof
(1910-1915) von Demitri Ribes.(19)
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