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Für die Frage nach dem nationalen Baustil in diesem Zeitraum
sind insbesondere diejenigen Faktoren relevant, die im Zusammenhang
mit der Industrialisierung der Region stehen und zur verstärkten
Selbstdarstellung des aufstrebenden Bürgertums führten.
Diese Feststellung läßt bereits erahnen, daß es
sich bei der katalanischen Architektur des späten 19. Jahrhunderts
um eine Variante der europäischen Baukunst handeln könnte
- womöglich vergleichbar mit der katalanischen Romanik im Verhältnis
zu anderen europäischen Stiläußerungen des frühen
Mittelalters.
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Indes wird in der einheimischen Kunstgeschichtsschreibung vehement
bestritten, daß die Architektur des "fin de siècle"
sich auf die katalanische Abwandlung des "art nouveau"
beschränke, und in der Tat geht es um eine komplexe kulturelle
Erscheinung, die in einer eigenständigen nationalen Architektur
ihren Ausdruck fand. Diese nationale Architektur Kataloniens, genannt
"modernisme", beschränkt sich jedoch weitgehend auf
den Wohnungsbau, der bürgerliche Paläste und Villen ebenso
wie Einfamilienhäuser und Mietshäuser einschließt,
dem aber aufgrund seines privaten Charakters nicht die Bedeutung
öffentlicher Bauten zukommt. Auch weist die katalanische Architektur
nicht die Charakteristika eines Nationalstils auf, sie ist vielmehr
subjektiv, dazu bodenständig und allgemeinverständlich
- zumindest für Einheimische, deren kulturelle Basis die Lesbarkeit
signifikanter Strukturen und Bilder an den jeweiligen Bauwerken
erst gewährleistet. Gleichwohl fehlt es nicht an architekturtheoretischen
Leitgedanken, und diese - gegen die Doktrin der Akademie gerichteten
- Prämissen sind es letztlich, die katalanische Architektur
konzeptionell vergleichbar machen. Somit läßt sich die
in erster Linie nationalistisch motivierte Baukunst trotz ihrer
Vielfalt und Widersprüchlickeit in einen europäischen
Kontext einfügen, zu einem Zeitpunkt nämlich, als die
Entwicklung des bürgerlichen Wohnungsbaus entschieden vorangetrieben
wurde.(2)
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Dem besonderen Gewicht, das der katalanischen Wohnhausarchitektur
vor allem in der Industriemetropole Barcelona zukommt, ist es vermutlich
zuzuschreiben, daß den öffentlichen Bauten in der katalanischen
Hauptstadt bislang nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Angesichts
ihrer "konventionelleren" Gestalt erscheinen letztere
als zu vernachlässigende konservative Äußerungen
weniger katalanischer Architekten, denen indessen trotz ihrer augenscheinlichen
Absage an den katalanischen Modernisme keine antinationalistische
Haltung nachgesagt werden kann. Hier zeichnet sich ab, daß
katalanische Monumentalbauten in geringerem Maße das nationale
Selbstverständnis der Katalanen zum Ausdruck bringen, als man
es von repräsentativen öffentlichen Bauten in einem derart
nationalistisch geprägten Umfeld zunächst erwarten würde.
Warum dies so ist, soll im folgenden Versuch dargelegt werden. Kleinere
Exkurse in die populäre katalanische Nationalarchitektur werden
dabei zum besseren Verständnis des eigentlichen Gegenstandes
beitragen.(3)
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Zur Betrachtung konkreter Beispiele in der katalanischen Architektur
bedarf es zunächst einer Erläuterung der nationalistischen
Motivation in der katalanischen Bevölkerung. Im folgenden soll
in aller Kürze auf die politischen, wirtschaftlichen und geistigen
Voraussetzungen der Unabhängigkeitsbewegung eingegangen werden,
ohne daß jedoch - um den Gegenstand zu verkürzen - eine
differenzierte Unterscheidung zwischen radikalem Separatismus und
moderaten Autonomiebestrebungen vorgenommen wird.(4)
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Die politische, wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung Spaniens
innerhalb Europas ist im 19. Jahrhundert marginal. Die Gesellschaft
ist noch immer feudal strukturiert und wird von Madrid aus zentral
regiert; die bürgerliche Revolution kommt nur ansatzweise in
den Erbfolgekriegen, den sogenannten Carlistenkriegen, zum Ausbruch.
Liberale und konservative Verfassungen wechseln sich ab. Klerus
und Aristokratie, in beiden Fällen identisch mit Großgrundbesitz,
erweisen sich als Feinde des Fortschritts.(5) So
findet auch die industrielle Revolution keinen Nährboden außer
in der nordöstlichen Region Katalonien, wo sie von der bürgerlichen
Gesellschaft ab dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts energisch
vorangetrieben wird und im letzten Drittel zu einem Wirtschaftsboom
führt. Katalonien erfährt eine gesellschaftliche Umstrukturierung,
die das übrige Land nicht oder nur unwesentlich tangiert. Industriebedingter
Wohlstand, Fortschrittsdenken und internationaler Austausch verlangen
nach Reformen und politischer Handlungsfreiheit, denn die reaktionäre
Zentralregierung behindert die technische und soziale Entwicklung
der Region. Statt dessen bedient sich der spanische Staat nach politischen
Niederlagen (wie anläßlich des Verlusts der Überseekolonien
1898) einseitig katalanischer Mittel zur Sanierung des Staatshaushaltes
und trägt damit zusätzlich zum Widerstand in der Bevölkerung
bei.
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Es gibt nun mehrere Anlässe, die vor diesem Hintergrund zur
katalanischen Nationalismusbewegung führten; nicht zuletzt
brachte der romantische Mittelalterkult zu Beginn des 19. Jahrhunderts
in das Bewußtsein der Bevölkerung bzw. der geistigen
Elite, daß Katalonien auf eine eigene Geschichte und Kultur
zurückblicken konnte. Nach über hundert Jahren rief man
die gesetzlich verbotene, inzwischen etwas verkrustete Sprache wieder
ins Leben zurück, förderte in Vergessenheit geratene Traditionen
und betrieb Geschichtsforschung und -aufklärung, wenn dies
auch zur gelegentlichen Verklärung führte. Tatsache ist
jedoch, daß Katalonien vor dem Entstehen des spanischen Nationalstaates
1479 durch Heirat der Katholischen Könige, Ferdinand II. von
Aragon und Isabella I. von Kastilien, als Prinzipat selbständig
- zuletzt im Verbund mit dem Königreich Aragon - existiert
und eine wohlhabende, Handel treibende bürgerliche Gesellschaft
besessen hatte. Dieses Prinzipat schloß im Norden das Roussillon
mit ein, reichte im Süden bis Valencia, umfaßte die Balearen
und - unter der Flagge Aragons - Enklaven auf Sardinien, Sizilien
und in Neapel. Die katalanische Sprache hat in all diesen Gebieten
bis heute überlebt bzw. ist in die Dialekte der italienischen
Territorien eingeflossen, obschon das katalanische Brauchtum einschließlich
Sprache im Jahr 1716 durch königlichen Erlaß unter Strafe
und so der vorübergehenden Vergessenheit anheim gestellt worden
war. |
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